07. Dezember 2020  
Berlin, GER  
Gerätturnen

Der "Fall Frehse", der Spiegel und der Hashtag-Effekt

Es war zu erwarten, dass es nach den Spiegelveröffentlichungen über angebliche "mentale Misshandlungen am Chemnitzer Turnstützpunkt" durch eine Gruppe von Athletinnen um Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer zu weiteren Stimmen kommt, die Ähnliches erlebt oder Vergleichbares erlitten haben. Da muss wohl was dran sein, denn den Mutigen, die sich trauen, ihre Probleme öffentlich zu machen, sollte man keine Unredlichkeit unterstellen, denn hier wird ein tatsächliches Problemfeld des modernen Leistungssport angesprochen, dass zu lange in einer Dunkelzone lag. Aber Vorsicht: Berechtigt das den SPIEGEL, angehäufte Schilderungen mit Anklagecharakter zu Tatsachen hoch zustilisieren?
Noch problematischer wird es, wenn gar die Vorsitzende des Sportauasschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag, bereits "von furchtbaren Schäden in einer Kinderseele" spricht und ankündigt, die "SPIEGEL-Enthüllungen zum Thema machen zu wollen ..."!
Hier stehen wohl zunächst Vorwürfe im Raum, deren Beweislage doch zumindest erst noch zu erbringen ist, bevor man boulevardeske Keule schwingt! Was sollen da noch vom Deutschen Turner-Bund angekündigte umfassende und objektive Ermittlungen einer Kommission, wenn Frau Freitag schon locker vorher die notwendigen Konsequenzen sieht, weil (Zitat) "... es offensichtlich länger bekannt war, dass es dort Hinweise auf Missstände gibt. Ich frage mich etwa: Was weiß eigentlich der Deutsche Olympische Sportbund über die Vorfälle am OSP Chemnitz? Was hat Thomas Weise, der Leiter des dortigen Olympiastützpunktes, dagegen getan oder vielmehr auch nicht getan? Seine lapidare Aussage, Turnen sei nun mal kein Kindergeburtstag, empört mich wirklich, denn sie zeigt eine Herablassung und eine Bagatellisierung der Vorwürfe, die tief blicken lässt. Da stellt sich für mich schon die Frage nach seiner grundsätzlichen Eignung als OSP-Leiter.«


Fragen eines ratlosen Journalisten


Aha, jetzt bestimmt also schon DER SPIEGEL vorausschauend die Tagesordnung des Bundestages oder: Wie soll man sonst die eigenartige Ankündigung von Frau Freitag verstehen? Peinlich ist leider nur, dass dieser Ausrutscher sogar von führenden deutschen Agenturen und sogar in deren Überschriften bereits als feststehende Tatsache (?) verbreitet wird, etwa als "Bundestag und DOSB kündigen Untersuchungen an" (Quelle: dpa). - ???
Na fein, Frau Freitag: Fakt aber ist, dass die Themen, die letztlich im Sportauschuss auf die Tagesordnung kommen, hoffentlich nicht bloß durch derartige Behauptungen von Einzelpersonen, sondern von einem Kreis fachlich-kompetenter Obleute aus den verschiedenen politischen Lagern bestimmt werden - isn't it ???!!

... nun auch Deutschland?
USA, Großbritannien, Niederlande, jetzt Schweiz: Überall gab es berechtigte, beunruhigende und z. T. schockierende Vorwürfe und juristisch bewiesene Tatsachen von missbräuchlichem Umgang mit Schutzbefohlenen, vorwiegend im Bereich des weiblichen Kunstturnens. Da kann es doch nicht sein, dass es das hierzulande  n i c h t  gibt!?
Doch, und zwar seit Jahrzehnten! Dem Autor selbst sind grenzwertige Fälle aus DDR-Zeiten bekannt. Personen im Traineranzug, die unter Missbrauch ihrer zweifellos vorhandenen fachlichen Qualitäten aber erheblichen Defizite im charakterlichen Bereich aufwiesen, deren Methoden in unsäglich repressivem Umgang mit den größtenteils noch pubertierenden Turnerinnen gipfelten. Methoden, die auch zu bleibenden Schäden der einst kindlichen Persönlichkeiten bis heute führten!
Wie leicht war es da zu Wendezeiten und ist es noch bis heute, solcherart Methoden mal locker zurückzudatieren und mit politischen Systemvorwürfen zu verknüpfen! Doch wenn man denkt, in Nachwendezeiten habe man sich solcher Methoden entledigt - mitnichten! Diesselben Geschichten hört man von betroffenen Ex-Turnerinnen auch aus frühen und spät-bundesrepublikanischen Leistungsgenerationen. Und leider treten Zustände bis heute und sogar verstärkt auf, wo durch das unsachgemäße, unqualifizierte und brutale Handeln im Trainingsprozess gegen ethisch-moralische, ja humane Prinzipien im Umgang mit Sportlern verstoßen wird. Also geht es doch um den Umgang von Menschen mit Menschen der stets zu hinterfragen ist. Ja - auch in Deutschland!


... berechtigt das deshalb eine #metoo-Kampagne zu starten?
Ja, natürlich! Denn der Mut jeder Einzelperson, sich zu äußern, zu kritisieren - auch öffentlich - sich zu wehren, ist ein Grundrecht! Problematisch aber ist die besondere Situation des frühen Leistungsalter der sich körperlich, mental und charakterlich noch in vollster Entwicklung befindlicher Kinder und Jugendlicher, die deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit von der Gesellschaft behandelt und beschützt werden müssen. Sich in dieser Lebensphase allein durchsetzten zu wollen, ist zumeist noch nicht möglich.
Interessant sind dabei die Ausführungen des Schweizer Sportpsychologen Hanspeter GUBELMANN, der in einem MDR-Interview über die Komplexität des Themas spricht, was der geschätzte Leser unbedingt anhören sollte: ►► "Das System ist das Problem"

... und was bedeutet dabei mediale Verantwortung?
Was da der SPIEGEL gemacht hat, erscheint bei erstem Hinsehen dabei durchaus auch schlüssig: Ein aktutes Problemfeld wird da scheinbar "aufgedeckt" - zu Recht, wenn da noch Tränen und Schmerzen und Qualen belegt durch eine zweistellige Zahl von Leidenden zu präsentieren sind.
Aber, statt - im Gubelmann'schen Sinne die echten Problemstellen des Systems zu hinterfragen, fährt man eine Attacke im Wesentlichen gegen eine Einzelperson, im Falle der Trainerin Gabriele FREHSE ausgerechnet noch einer "Mutter der Kompanie", die in ihrem Umfeld nicht nur über Jahrzehnte Erfolge feierte, sondern sich wahrlich um "Furz und Feuerstein", wie man in Sachsen sagt, kümmert, und deren mütterlichen Betreuungsseite nun wahrlich nicht außer Acht gelassen werden darf!
Nachdem sie über Jahre die nach Chemnitz gewechselte Saarländerin Pauline SCHÄFER zum überraschenden WM-Titel am Balken (2017) geführt hatte, beurteilte der dankbare Schützling von Gabi Frehse damals in einem Geburtstagsschreiben nahezu überschwänglich:
"Liebe Gabi, als allererstes möchte ich Dir sagen, dass ich sehr stolz auf dich bin. Du machst das alles so toll, und auch, wenn es manchmal schwierig ist, kommt es selten vor, dass Du die Nerven verlierst ... " und nachfolgend " ... damit Du weißt, das alles möglich ist, wenn es mal wieder schwer wird (mit mir oder allen anderen) ... " dann sage Dir, das alles haben wir zusammen geschafft...!" Pauline
Geschrieben 2017, von einer damals 20-jährigen Weltmeisterin, rückblickend auf eine jahrelange, erfolgreiche und gemeinsame Wegstrecke.
(Siehe auch eine weitere, nahezu > begeisternde Danksagung zum Jahreswechsel 2017/18 an ihre Trainerin!)
Wenig später erfolgte dann die Trennung der Trainerin von ihrem einstigen Schützling, (- der nicht mehr bereit war, den Forderungen und Ansichten zur Gestaltung eines ambitionieretn Trainings zu folgen. Frehse). Sicher ein besonderes Spannungsfeld!
Doch nun zurück zur medialen Verantwortung:
? -  Waren der SPIEGEL-Autorin denn diese besonderen Probleme nicht bekannt?
? - Hatte sie sich denn nicht in ihrer Recherche mit beiden Seiten beschäftigt?
? - Wieso entsteht im ersten Anklageartikel eine derartige Einseitigkeit personalisierter und auch juristisch unbewiesener Vorwürfe, die eher dem Verdacht der "Inszenierung einer Kampagne" erwecken?
? - Ist das tatsächlich vorhandene Problem - der Umgangs mit Kindern im Spitzensport - nicht viel zu wichtig, als es mit einer solchen Individual-Attacke marktschreierisch zu missbrauchen?
? -Wenn als Ergebnis dann nur eine Trainerin das Bauernopfer ist - zumindest läuft der Charakter der geäußerten Vorwürfe darauf hinaus - ist das dann nicht nur falsch, sondern fahrlässig, weil oberflächlich!

Wo also liegt das wahre Problem?
Sich Weltspitzenleistungen zum Ziel zu setzten, ohne gleichzeitig kompromisslos Weltspitzen-Bedingungen bei Talentsuche, -förderung und -ausbildung anzustreben, führt zwangsweise zu Verwerfungen, bei denen die betreffenden SportlerInnen als erste auf der Strecke bleiben. Zu Weltspitzenleistungen gehören auch Spitzenqualitäten bei der Prägung des Berufsstandes der Leistungssporttrainer, insbesondere auf den Gebieten der pädagogisch-psychologischen Wissenschaften und der ethisch-moralischen Erziehung. Dies macht akademische Ausbildungswege meines Erachtens unabdingbar. Hier liegen im Lande schon die am schwerwiegendsten Mängel im System! Unzureichender Kenntnisstand auf diesen Gebieten, gepaart mit üblichem zusätzlichem Erfolgsdruck, führen dann zu einem individuellen Dilemma: Die fordernden TrainerInnen verfügen nur unzureichend über die entsprechende "Klaviatur der wirksamen Steuerung" der Leistungentwicklung. So vergreifen sie sich eben hilflos, oft aber auch mutwillig, nicht nur im Ton, sondern auch in den Methoden unter Vernachlässigung ihrer fürsorglichen Pflichten. 
* Man höre sich dazu auch das ►► MDR-Interview von DTB-Präsident Dr. Alfons HÖLZL an, der bei Ankündigung der objektiven Untersuchung des "Falles Chemnitz" aber gleichzeitig auf die besondere komplexen Problemfelder des Spitzensports hinweist.
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Ergo: Es ist nicht die Sportart als ein national historisches und wertvolles Kulturgut, was da angeklagt und beschädigt wird, es ist auch nicht der Spitzensport an sich, sondern es ist der Missbrauch desselben, der immer dann entsteht, wenn er nicht dringlichst qualitativ sein nationales Bedingungsgefüge seinem gleichzeitigen Anspruch an Weltspitzenleistung anzupassen vermag. Dazu gehört ebenso die dringlichste Anhebung der Qualität der Trainerausbildung, verbunden mit einer Anhebung der gesellschaftlichen Anerkennung des Berufsstandes des Trainerberufes.
Von einer Medien-Insitution vom Profile eines "SPIEGEL" hätte man sich statt eines einseitig geführten Individual-Feldzuges eine ernsthaftere Problemdarstellung gewünscht.
Dann hätte auch die absehbar nachfolgende #metoo-Attacke eine noch wirkungsvollere und wünschenswerter Weise nachhaltigere Bedeutung erhalten.
(C) Eckhard HERHOLZ / - gymmedia -
     - Chefredakteur GYMmedia INTERNATIONAL
        (ehemaliger Kunstturntrainer und langjähriger TV-Fachreporter)
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... und I H R E Meinung dazu?
Bitte unter > office@gymmedia.de


* 09-Dez-2020
Angesprochen zu ihrer klaren, persönlichen Haltung zu ihrer Trainerin Gabriele Frehse und die gegen sie erhobenen Vorwürfe sagte uns Sophie SCHEDER:
„Obwohl ich auch von der Spiegel-Autorin zu meiner Trainerin befragt worden bin, sind meine Ansichten überhaupt nicht im Artikel vorgekommen! Sehr überrascht war ich allerdings von einer Vielzahl negativer Gegenreaktionen. Die meisten derer haben keine Kenntnis von der wahren Situation am Chemnitzer Stützpunkt und wohl auch nicht vom Leistungssport.
Eindeutig wende auch ich mich gegen jeglichen Missbrauch an Kindern in unserer Sportart und unterstütze den Mut all jener, die sich darüber äußern.
Allerdings ist es meiner Meinung nach ebenso wichtig, Gerechtigkeit walten zu lassen. Es darf nicht sein, dass falsche Aussagen in den Raum gestellt werden. Das ist ungerecht, beschädigt nicht nur Personen, sondern auch unsere Sportart!
Wichtig erscheint mir auch, die Rolle der Eltern hervorzuheben: Diese müssen eng mit der Trainerin zusammenarbeiten und dürfen den Druck, der im Leistungssport durchaus entsteht, nicht noch zusätzlich verstärken. Meine Eltern hatten z. B. immer engen Kontakt sowohl zu mir, als auch zu meiner Trainerin Gabriele Frehse!"
Ich hoffe, dass die Untersuchungskommission des DTB hier vieles klären kann …!“

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"Pauline Schäfer holt ihre Schwester in diese 'Hölle Chemnitz'. Nun ist alles so schlimm, was für eine Perversion. Und beim SPIEGEL ist äußerste Vorsicht geboten. Schade, dass dort solche Leute, die keinen Fachverstand haben, so etwas in die Welt setzen können."
Dr. Klaus Arnold; ehemals Cheftrainer Gerätturnen in Baden Württemberg (Frauen und Männer) sowie Leiter des Bundesstützpunktes (Stuttgart).
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"Hat sich die Pauline da etwa etwas ausgedacht oder wird sie irgendwie instrumentalisiert? Da passt doch vieles nich zusammen.
Habe heute einen Zeitungsartikel gelesen, da sieht man das genauso. Weltmeisterlich scheint sich die Dame gegenüber ihrer Trainerin wohl aber nicht zu verhalten"
. (> Artikel)
* Lisa Oppermann, Landau
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* 08-Dez.-2020
... man schaue sich doch bitte die Aussagen der Eltern (s. o.) genauer an und urteile hoffentlich zu Gunsten von Gabi!
Das was hier losgetreten wurde mit Anschuldigungen gegenüber Gabi sollte mit Vorsicht behandelt werden. Einen persönlichen Kleinkrieg über die Medien zu führen und Anschuldigungen zu machen, die nicht 100%ig nachweisbar sind, fallen bei mir unter das Aufmerksamkeitsdefizit. Persönliche Differenzen mit Gabi so auszuschlachten sind ein Armutszeugnis.
  * Silke Oertel, Sachsen
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"Hiermit autorisiere ich Sie, meine Zuschrift an das Magazin "DER SPIEGEL" zu übernehmen und in vollem Wortlaut auch bei GYMmedia zu veröffentlichen!"
* Steffi Brunner, Chemnitz ...zu den Anschuldigungen Gabriele Frehse's
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"Nach Kenntnis der Lesezuschriften beim Spiegel habe ich mich angeekelt abgewandt: Was da für ein shitstorm abgelassen wird, in voller Unkenntnis über die tatsächliche Situation, aber wohl passend zur Einseitigkeit des Spiegelartikels. Wenn man sowas veröffentlicht, muss man sich nicht wundern, wenn förmliche Hassreden entstehen, haltlos unbewiesen und anmaßend und z. T. im primitivem Jargon. Aber so ist das, in der heutigen digitalen Welt. Inkompetent, prollig und immer schön anonym.
Hier veröffentliche ich aber gerne, weil man das Gefühl hat, eine sachliche Nähe zum Sport zu haben. Danke!"

* Ludger Sichelfehr, München
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"Krass. Hier liest man aber auch nur einseitige Sachen. Gibt es denn niemanden, der mal sagt, dass da was dran ist, an den Vorwürfen? Oder tut ihr euch alle gegenseitig nix?"
* Klaus Patzenhauer, Vogtland
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"Klar bekamen wir auch Zuschriften mit gegenteiligen Ansichten und Contra-Haltungen. Allesamt aber nicht mit Klarnamen, sondern anonym!
Im Gegensatz zu den meisten social networks veröffentlichen wir diese aber ebenso nicht, wie unsittliche, beleidigende oder obszöne Bemerkungen, die mit der Sache nichts zu tun haben."

* - die Redaktion

"Kann mir mal jemand sagen, warum ihr wie die Wilden berichtet und beim Turnverband steht nix oder besser gar nix? Warum ist die Sophie die einzige namhafte Turnerin, die sich traut, der Schmutzkübelei was entgegen zu setzen? Die lügt doch nicht oder? Wir haben doch noch mehr ältere und erfahrene Turnerinnen, deren Haltung mich sehr interessieren würde."
* Sarah Ludwig, Berlin
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   ... ältere Zuschriften und Stellungnahmen
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